GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS

Einheimische und reisende Bauhandwerker

Reiseberichte
Zürich

 

Das Leben auf der Walz eines Stukkateur und Gipsergesellen                                      

 

Auf der Suche nach fixer Schanigelei ohne Holzwürmer verschlug es mich in den sonnigen Süden des deutschsprachigen Raums. Der Kies wurde langsam knapp und die Hände sahen viel zu gepflegt aus für einen Mann meines Standes.  Bestes Sommerwetter Ende Juli oder besser gesagt brütende Hitze machen in der Kluft jeden Schritt zum Kampf mit seinem inneren Schweinehund.

 

In der wunderschönen Schweiz angelangt, reiste ich in verklärt romantischer Manier mit Kamerad Fabian Goeth durch die Berge. Wir kehrten bei Bauern ein und schliefen im Stroh auf dem Heuboden. Schließlich reisten wir auf unserer Bude in Hittnau zu. Full-House auf 8 m². Wir waren zwischenzeitlich zu viert in unserem „Wohnzimmer“.

Gut, dass es unten noch die Stube von unserem ehrwürdigen Vattern Urs gibt, bei dem man vorzüglich Speisen und auch den ein oder anderen zünftigen Stiefel leeren kann. Nach Feierabend ging wir Gesellen zusammen Bouldern oder an den Pfäffikersee zum Baden oder Angeln. Ich klapperte eine Woche lang Gipserbetriebe ab, ohne jedoch wirklich etwas zu erreichen. Die anderen Gesellen standen alle in Schanigelei und Arbeit gab es überall zu Hauf. Wann denn endlich auch für mich.... Langsam stellte sich Frust ein.  Ein Gück, dass es die traditionsbewussten Schweizer Gemeinden gibt, die uns reisenden Handwerkern eine kleine Reiseunterstützung gewähren. Die Preise in der Schweiz sind nämlich gewöhnungsbedürftig(nicht teuer!), wenn man als Deutscher „Normalverdiener“ durch das hoheitliche Gebiet unserer eidgenössischen Nachbarn reist. (1 Döner fast 10 EURO!!)

 

Lichtblick

 

Ein einheimischer Rechtschaffender vermittelte mir Kontakt zu einem Bauherrn. Er nahm sich extra Zeit für mich und schenkte mir sogar noch Z´Mittag aus. Brummt 10 kalte Winter! Fixer Typ.

Der Bauherr und Fast-alles-Selbermacher führte mich durch sein Reich.Ein fixes Restaurant bei Zürich.

Das 120 Jahre alte Gebäude steht unter eidgenössischem Ortsschutz und wird zur Aufnahme als Schutzobjekt von regionaler Bedeutung durch die Denkmalpflege des Kantons Zürich geprüft.

 

 Uii. Viel zu tun dachte ich mir.

 

Die bereits montierten Lehmbauplatten sollten verputzt werden und zwar von Hand. Mit selbstgemachter Baustellen-Mischung. Mein Vorschlag ein paar BigBags zu organisieren und eine Maschine zu nutzen, wurde kategorisch abgelehnt.

Ok, dann halt Old-School. Kunde ist König.

Wir fahren also ins Kieswerk und kaufen ne Fuhre Sand und nehmen noch Ton mit. Das ganze Material in den 2. Stock hieven und dort erst einmal den Ton in faustgroße Brocken zerkleinern und mauken. Nach ein paar Tagen rührten wir den Ton durch, mit einem Rührwerk das so heiß wurde, dass Sven immer einen gewässerten Lappen drauflegte um es wieder runter zu kühlen. Es entstand eine Ton-Schlämme. Wir gaben noch Sand hinzu und siehe da, das Material war fertig. War doch ganz einfach…

Der Lehm war wirklich von sehr guter Konsistenz und wies so gut wie keine Schwundrisse auf. Da muss ich wirklich den langen Atem von Sven loben, der in vielen Versuchen, dass optimale Mischungsverhältnis suchte.

Dass die Lehmbau-Platten noch mit Jute-Armierungsgewebe zwecks Rissüberbrückung versehen wurden, erwähne ich hier am Rande auch noch einmal für die Brennholz-Experten.

 

Das Prunkstück des Gebäudes, der Saal im 1. OG mit Fischgrätparkett, hüfthohem Holztäfer, getäferten Fensternischen, gemalter Abschlussbordüre und Stuckdecke. Durch jahrelange Vernachlässigung entstand ein massiver Wasserschaden und ein 2,5 m² großes Loch in der Stuckdecke. Auch ein Teil der Balkenlage war schon morsch. Sie wurde durch einen Hilfs-Zimmerer bzw. Dachdecker abgefangen und aufgedoppelt.

Der Plan des Bauherrn sah vor das Loch mal eben mit „Sauerkrautplatten„ zu schließen und dann irgendeinen Mist aus dem Sack drüber zu schmieren. „So nicht! Den Scheiß kann er selber machen...Dafür bin ich nicht auf Tippelei gegangen“ dachte ich mir, sagte aber nichts dergleichen und wirkte subversiv zusammen mit der Innenarchitektin Ursula über Tage auf den Bauherrn ein, der historischen Bausubstanz auch eine gewisse Würdigung zukommen zu lassen.

 

So, erstmal gucken was wir hier haben...

 

Bestands- und Schadensanalyse:

 

Eine Lattung mit „Gipserlättli“ ca. 2,5cm breit, 1cm hoch, aufgenagelt, ungefähr mittig auf die Balkenlage. Abstand zwischen den Lättli ca. 2 cm. Ein von oben aufgebrachtes Kalk-Sand-Strohgemisch, eine sogenannte Bockshaut bildeten also den Deckenaufbau. Auch der Putz an der Wand wies Hohlstellen und Wasserflecken auf. Größtes Korn ca. 4mm, gute Sieblinie, ausreichend Bindemittel, Kalk-Stroh-Anteil ausgewogen, ist selten, aber nix zu meckern.  Die Decke und die Wände wurden mit Gips geglättet und als Schlussbeschichtung einem Ölfarbenanstrich versehen. Farbton nach RAL: Popelgrün.

 

Ans Werk

 

In den Randbereichen der Schadstelle war die Decke abgesackt und musste mit Edelstahlschrauben gesichert werden. Randsicherung zusätzlich an den Flanken mit vergüteter Gipsspachtelmasse.   Ich entfernte vorsichtig einen Teil der Decke mit einem Schnitt durch den Multimaster bis zum nächsten Balken um einen tragfähigen, sauberen Anschluss zu bekommen. Darauf wurden die vorgebohrten Gipserlatten mit Edelstahlschrauben befestigt. Die Dielen im 2. OG haben wir rausgenommen, sodass ich von oben die neue Bockshaut einbringen konnte.

 

Dann verputzte ich am übernächsten Tag die Decke, von der Seite des Saals, nachdem ich das durchhängende Stroh abgekratzt hatte eine Kalksandmilch (Patschuk) auf die Latten strich. Durch dieses Vorgehen werden ein freskales Abbinden und ein exzellenter Verbund der beiden Schichten garantiert.

 

Einen Teil des Stuckgesimses legte ich beiseite und machte mich alsbald an das akribische Ausarbeiten des Schablonenblechs für die Schablone.

Auf Tippelei muss man oft improvisieren. Ich zog die Profile also auf einem ausrangierten Tisch in 3 Zügen und nicht wie üblich in einem gut eingerichteten Stuckgeschäft auf einmal in 7-8 Meter Länge. Ein Glück, dass ich mein wichtigstes Handwerkzeug meine Lanzetten und Stuckeisen in meinem Charlie dabei hatte…

Die gezogene Stuckleisten aus Alabaster Gips waren von hervorragender Qualität und wurden nach ausreichender Standzeit des Grundputzes mit Gipskleber auf den Grundputz aufgeklebt. Das Anpassen der Stuckleisten an den Bestand gelang fluchtrecht und ohne optische Einbußen. Nachdem ich die Decke geglättet habe und auch die Wand neu verputzt war, nach den hohen Regeln der Stukkateur- und Gipserkunst selbstverständlich durch einen Kellenschnitt voneinander getrennt, war es so als hätte es nie einen Schaden gegeben. Zwischenzeitlich habe ich die Decke abgewaschen und Risskittungen durchgeführt. Ein eher undankbares Geschäft, aber wichtig für den darauf folgenden Anstrich durch eine Malerfirma. Nun erstrahlt der Saal in neuer Pracht.

 

Ich war circa eineinhalb Jahre später nochmal dort und wollte mir anschauen, ob auch alles hält was ich versprochen hatte und wie es gestrichen aussieht. Es sieht super aus. Keine Risse oder dergleichen zu sehen. Hoffen wir, dass es die nächsten 100 Jahre auch so bleibt. Eine tolle Baustelle, in der ich vieles selber machen musste, von der Organisation bis zur Beratung des Bauherrn.

 

e.FVD Dennis Borgardt , heute nach Wanderschaft ein selbständiger Stukkateur