GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS

Einheimische und reisende Bauhandwerker

Reiseberichte
Rumänien

Bau eines Onagers (Seiltorsionsgeschütz, Experimentelle Archäologie in Richiș)

 

Ich war schon einige Tage in Richis/Rumänien, als ich mitten in der Nacht zum ersten April sanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Die Reisenden FVD-Gesellen Simon Kremers und Felix Behrendt kamen fix aus Wien zugereist für den Bau eines Onagers.

Diese mittelalterliche Kriegsmaschine sollte für das Frauendorfer Kirchenburgenmuseum gebaut werden. Der dort ansässige einheimische FVD-Geselle Christian Rummel hatte den Auftrag dazu und machte dieses Projekt auch über die CCEG-WEB-Seite bekannt.

 

Es wurde festgelegt, es sollten zuerst Modelle hergestellt werden um zu veranschaulichen welche Bauweise praktikabel ist und wo Probleme in der Ausführung auftauchen könnten.

 

Doch zuerst  erst einmal am nächsten morgen die Werkstatt aufgeräumt. Denn der einheimische Freie Vogtländer Christian Rummel sollte vom rumänischen Fernsehen interviewt werden. Grund des Interviews war die Werkstatt selbst, denn diese war früher eine alte Wagnerei. Nachdem das Fernsehen da war, tüftelten nun drei Gesellen an zwei Katapult-Modellen.

 

Zum Osterfest der evangelischen Siebenbürger Sachsen besuchten wir den deutschsprachigen Gottesdienst in Birthälm (Biertan). Der Gottesdienst fand leider im Gemeindehaus statt, weil die Kirche in der Kirchenburg gerade renoviert wird.

An dieser Kirchenburg, die auch 300 Jahre lang Bischofssitz war, haben schon mehrere Freie Vogtländer gearbeitet bzw. sind gerade am Schaniegeln. Nachmittags sind wir dann alle zusammen (F.V.D. Simon, F.V.D. Felix, e.F.V.D. Christian mit seiner Familie und ich) zu Freunden von Christian gefahren, wo ein Lämmchen geschlachtet und gegrillt wurde.

 

Zur Fertigstellung der Modelle brauchten wir Metallteile, die selbst geschmiedet werden mussten. Wie bei jedem Handwerk sieht das leichter aus als es ist! Und ohne erfahrene Anleitung brauchte es einige Versuche, um die benötigten Teile zu fertigen.

Nachdem die Modelle erste Kieselsteine durch den Hof schleuderten, entschieden wir uns für die Dreieckskonstruktion (links auf dem Bild), da bei diesem Modell nicht alle Verbindungspunkte an einer Stelle zusammenlaufen.

 

 

 

Eine Woche nach dem evangelischen Osterfest fand das orthodoxe Osterfest statt. Aus diesem Anlass sind wir mit der Familie Rummel nach Sibiu (Hermannstadt) gefahren. In der Casa Calfelor haben wir uns einquartiert.

Der Herberge für alle reisenden Gesellen mitten in der Stadt. Von dort aus sind wir erst mal losgezogen, um uns die Stadt bei Nacht anzuschauen. Am nächsten Tag ging es dann mit der ganzen Familie Rummel und uns drei Gesellen erst in den Zoo von Sibiu, dann ins Freilichtmuseum Astra, in dem alte Mühlen und Bauernhäuser ausgestellt sind, um abends bei Freunden der Familie im Garten und im Keller gemeinsam zu essen und gesellig den Abend zu verbringen.

 

 

In der folgenden Woche stellten wir fast alle Holzarbeiten fertig, also Rahmen, Prellbock, Abstrebungen nach hinten und zur Seite sowie Widerlager bei dem Seilpaket, die verhindern, dass das Katapult zusammengezogen wird. Mit der Achse zum Herunterziehen des Wurfarms haben wir begonnen, aber um den Rest fertig stellen zu können, mussten wir erst den nächsten größeren Schrottplatz aufsuchen.  Neben diversen Motoren für Trecker, Autos und LKWs, mit ganzen und halben Getrieben konnte man auch alles vom Metallregal bis zum Wasserwerfer finden. Nachdem wir unsere benötigten Metallteile gefunden hatten, ging es weiter nach Sighișoara (Schäßburg).

 

In Schäßburg steht das angebliche Geburtshaus von Vlad III. Drăculea. Nachdem wir durch die Gassen gelaufen sind und es langsam Abend und dann Nacht wurde, beschlossen wir, dass man eine Stadt bei Tage besichtigen kann, aber diese Stadt bei Nacht vielleicht noch ein anderes Gesicht zeigt. Mit unserer Vermutung lagen wir nicht falsch und als wir im Morgengrauen wieder in Richiș ankamen, konnten wir sagen, dass uns Schäßburg alles in allem sehr gut gefallen hat.

 

Am Montagmorgen starteten die Metallarbeiten. Es mussten Nägel geschmiedet werden, um die Metallbänder, welche die Holzkonstruktion verstärken sollten, zu befestigen. Die Metallbänder selbst wollten in Form gebracht werden. Der Spannmechanismus mit Ratsche und der Auslösemechanismus mussten in Einzelteilen geschmiedet und dann zusammengeschweißt werden.

Für uns drei Zimmermänner war das mit viel experimentieren und Recherche im Internet verbunden, da wir Schmiedearbeit nur vom Mittelaltermarkt kannten. Unser Simon befasste sich mit Hammer und Amboss und war am Abend, wenn alles dunkel wurde, nicht von der Esse wegzubekommen. Felix beschäftigte sich intensiv mit der Achse zum Spannen des Wurfarmes und mit Christian habe ich zusammen das Schweißgerät zum Rauchen gebracht.

 

 

 

Jetzt hieß es Endspurt für das Katapult, denn am Mittwoch mussten wir Richtung Föhr abreisen, das FVD Reisendentreffen stand vor der Tür.

Die Metallbänder wurden angebracht und festgenagelt, zumindest da, wo man sie zum Transport nicht wieder abmachen musste. Letzte Arbeiten am Katapult wurden erledigt, um es dann am Nachmittag auseinander zu nehmen und auf einer Wiese außerhalb des Dorfes wieder zusammen zu bauen. Der Aufbau des Gerüstes war in fünf Minuten erledigt, das Einfädeln des Seils allerdings dauerte schon etwas länger

Beim Spannen des Seilpaketes war klein anfangen die Devise, und so schoss das Katapult im ersten Versuch nach Herunterziehen des Armes nicht mal einen halben Meter weit. Also mehr Spannung auf das Seilpaket bringen und noch mal versuchen. Leider hielt unsere Metallstange dem Druck nicht stand und verbog sich nach innen und auch das Seil riss an den Enden wo es am meisten gespannt war und an den Kanten befestigt wurde.

Das war das Ende für diesen Abend und wir konnten auch nichts mehr reparieren, weil wir am nächsten Morgen nach Deutschland zurück reisen mussten.

 

Als Zwischenfazit bleibt festzuhalten, dass der Arm leichter werden muss und die Metallstangen verstärkt werden müssen, um höheren Belastungen stand zu halten. 

 

Zwei Wochen später zurück in Richiș ging es für mich und FVD Patrick Smietana, der mich für den zweiten Anlauf begleitet hat, an die Änderungsarbeiten am Katapult. In einer Woche haben wir die Tonsoren verstärkt und auch einen leichteren Wurfarm gefunden. Dann ging es für uns an die Seileinfädelei. Nach einigem hin und her war das Seil eingefädelt und die ersten Versuche konnten beginnen.

Anfangs noch vorsichtig, da ich noch den letzten Versuch im Gedächtnis hatte, aber dann mit mehr Kraft und Einsatz. Am Ende haben wir dann brennende und nicht brennende Geschosse quer durch den Hof der Werkstatt geschossen.

Als Erkenntnis und Erfahrung muss erwähnt werden, dass Rumänien jede Reise wert ist. Ich hätte vieles verpasst, wenn ich mich auf diese Tippelei, auf dieses Land und vor diesen außergewöhnlichen Projekt nicht eingelassen hätte.

 

F.V.D. Robert Augart Mai 2015