GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS

Einheimische und reisende Bauhandwerker

Reiseberichte
Kuba

 

Kuba,  zwischen Gegensätzen und Verwirrung

 

Kaum im nächtlichen Havanna angekommen, sitzen wir auch schon mit Peter in

einem Taxi.

Er ist auch Deutscher und spricht im Gegensatz zu uns fließend Spanisch.

Er organisiert uns auch gleich ein Zimmer in einer Casa Particula für die ersten Tage.

Auf Kuba ist es üblich in solchen Casa`s zu übernachten.

Dies sind meistens einfache Zimmer in Privathaushalten, wo man nach Rücksprache

auch bekocht wird.

Bei sonstigen Privatleuten ohne Lizenz kann man jedoch nicht einfach übernachten,

da diese durch ein kubanisches Gesetz enteignet werden können.

Dieses Problem sollte uns bei der Arbeitssuche ebenfalls begegnen.

Nachdem wir uns am ersten Tag etwas in Havanna umgesehen, galt unsere Priorität der Arbeitssuche.

Erster Anlaufpunkt waren die Deutsche-, Österreicher-, und Schweizerbotschaft.

Dort wurden wir jedoch direkt an der Tür abgewimmelt.

Lediglich die Österreicher schenkten eine Flasche heimischen Rotwein aus.

 

 

 

 

So mussten wir in der ersten Woche sehr viel Lehrgeld zahlen. Auch im wörtlichen

Sinne, da genügend Spitzfindigkeit gefragt ist, um den horrenden Touristenpreisen zu  entgehen und an die Einheimischen heran zu kommen.

Jedoch verstanden wir es schnell den deutschen Tourismus nach F.V.D. Art zu nutzen und unseren Mitbürgern auf den Zahn zu fühlen.

Nachdem wir die Hauptstadt kreuz und quer zu Fuß durchkämmt hatten bekamen wir

schließlich zwei Adressen heraus, die uns weiter helfen sollten.

Die erste Adresse beim Deutsch-Kubanischen Verständigungsverein , oder so

ähnlich, konnte uns jedoch nur bedingt weiter helfen. Zumindest bekamen wir einen

Übersetzer gestellt.

Es gibt einige Kubaner, die auf Grund der Beziehung zur DDR deutsch sprechen oder  sogar zum Studieren oder aus sportlichen Anlässen  dort waren.

Die zweite Adresse, sollte sich jedoch als wahrer Glücksgriff herausstellen.

Es war die Adresse eines Künstlers, der sein Atelier in Playa einem Stadtteil etwas

außerhalb hatte.

So liehen wir uns bei einer Schweizerin, die einen Fahrradverleih besaß 2 Räder

und fuhren nach Playa.

Da die Türsteher vor dem riesenhaften Eisentor des ”KACHO Estudio” kein Englisch

oder Deutsch sprachen, dauerte es eine Weile, bis die hübsche und gut gebaute

Sekretärin uns in Empfang nahm.

Wir schilderten ihr unser Anliegen, und zeigten einige Bilder von Sachen die wir

gebaut hatten. Da sich der „ Künstler”  wie ihn alle  ehrfürchtignannten (warum

sollten wir erst zum Schluss unserer Reise erfahren) momentan in Baracoa befand,

wo er ein Aufbauprojekt nach einem Hurrikan startete, sollten wir uns nach dem

Wochenende nochmal melden.

Weil Paul und ich uns mittlerweile recht gut in Havanna auskannten, beschlossen wir

das Wochenende im Grünen zu verbringen und fuhren in das wenige Stunden

entfernte Las Terrazas.

 

Montag: Kcho Estudio Playa/Havanna.

Wir sind zurück von unserem Ausflug, und stehen wieder im Kunstatelier.

Quirenia hat gute Nachrichten für uns. Wir können bleiben und arbeiten.

sie führt uns zunächst auf dem Gelände herum. Eine riesige Halle mit

Ausstellungsräumen , eine Werkstadt, ein eigenes Kino/ Theater das uns als

Schlafplatz dient, sowie eine große Außenanlage mit Bar, wo sich das tägliche

Leben abspielt.

Überall stehen Kunstwerke herum und es hängen Steckbriefe anderer berühmter

Künstler.

 

Eine Fotoausstellung über die Revolution und Fidel Castro gehört ebenso dazu.

Herzstück des Areals ist ein hoch modernes Internetcafé mit Bibliothek. Einzigartig

auf Kuba und präsentiert den hohen Stand von Kcho.

So etwas kann sich auf Kuba nicht jeder einfach so erbauen. Überall hängen Bilder

von ihm und Berühmtheiten wie Castro, Putin oder dem Papst.

Auch der einzige freie W-Lan Hot Spot von ganz Kuba befindet sich hier, weshalb

sich Tag und Nacht Menschenmassen mit ihren Handys um die hohen blauen Bauern des Geländes drängen. Das Passwort lautet: ”Nieder mit dem Embargo”.

Unser Auftrag bestand nun darin auch Kunst für sein Studio zu machen.

Da wir nur einen rostigen Fuchsschwanz sowie einige von beiden Seiten

angeschliffenen Stemmeisen hatten, beschlossen wir aus dem halb vergammelten

Hub Bohlen eine Fachwerkkapelle zu errichten.

Nachdem uns der Hausmeister die wichtigsten Werkzeuge ins spanische übersetzt

hatte ging es direkt los.

Auch die Bohrer für die Holznägel fertigten wir aus Bewehrungsstahl.

So entstand das Bauwerk Stück für Stück. Als Sahnehäubchen bekam die Kapelle

noch ein kleines Türmchen, in welches wir eine Glocke hängten, die Papst Johannes

Paul bei einem Besuch als Geschenk da ließ.

Zusätzlich wurden wir verwöhnt und umsorgt wie junge Götter. Wir sind ja schließlich

auch Künstler.

 

 

 

 

In diese Zeit besuchte uns auch Kam. Urban, der auf seinem Weg von Jamaica nach

Mexico einen kurzen Zwischenstopp in Havanna einlegte.

Durch die Kontakte die wir mittlerweile geknüpft hatten, konnten wir ihm auch gleich

Arbeit vermitteln.

So ergab es sich auch, dass Paul und ich den deutschen Botschafter Thomas

Neisinger beim Trampen kennen lernten als wir auf dem Weg in die Stadt waren.

Dieser war sichtlich enttäuscht darüber, dass ihn niemand von der Botschaft davon in

Kenntnis gesetzt hatte, dass Wandergesellen vor Ort waren.

Er lud uns zu einem schicken Abendessen ein, wo wir auch Michael Diegmann

kennen lernten. Michael ist seit über 10 Jahren auf Kuba und für alle großen

Restaurierungen wie z.B. des Kapitols zuständig. Ebenfalls durfte er Castros Grabdenkmal bauen. Somit war spätestens jetzt Schaniegelei auf Kuba Stief.

Zusätzlich lud uns Thomas noch zum Staatsempfang der Kulturministerin ein.

 

 

 

 

Da nun auch unser Kies zu Neige ging, machten wir uns wieder auf den Rückweg

nach Havanna . Kcho hatte mittlerweile einige Arbeiter aus Yumuri/ Baracoa

einfliegen lassen.

Mit ihnen bauten wir zusammen eine weitere Hütte und zeigten ihnen einige

traditionelle Holzverbindungen, die sie auch ohne den Gebrauch von Nägeln und

Schrauben anwenden können, da diese Verbindungsmittel auf Kuba schwer zu

beschaffen und sehr teuer sind.

Die Kubaner nahmen die Tipps mit Freude an und setzten sie direkt in die Praxis um.

Bei der gemütlichen Arbeitsweise darf natürlich auch Rum und Musik nicht fehlen.

 

Nun war es auch an der Zeit, dass sich unsere Reisekombo mit Kam. Magdalena und Kam. Schmitt vervollständigte.

Da wir uns am Flughafen verpassten, trafen wir uns nach einer wilden Schnitzeljagd

durch Havannas Straßen zu Fuß und per gelben August endlich im John Lennon

Park.

Durch unser nun auf vier Mann verstärktes Team ging es auf der Baustelle zügig voran. Kam. Magdalenc und Kam. Schmitt konnten sogar noch eine hölzerne Schiebetür bauen. Schließlich kam der Tag des Staatsempfangs.

 

Wir wurden von einem alten W120er Taxi abgeholt und zur Villa des Botschafters

gebracht. Während der zahlreichen Reden, die geschwungen wurden gab uns

Thomas zu verstehen, dass wir uns hemmungslos über die Bar hermachen sollten.

Auch das Anschließende Buffet ließ keine Wünsche offen.

Wir lernten Castros Sohn und einen der Gründer vom Buena Vista Social Club

kennen.

Leider ging der Rückflug von Paul und mir ebenfalls an diesem Abend. Da ich mich

jedoch schon immer damit schwer getan habe eine gute Party zu versäumen,

beschloss ich den Flieger ohne mich abheben zu lassen.

So machte sich nach kurzer Rücksprache Kam. Neumann allein auf den Weg zum

Flughafen. Unterdessen ging es für uns übrigen Drei nach anregenden Diskussionen mit  Vertretern aus Politik und Wirtschaft ab in die Disco.

 

Wir beschlossen nun, für mich zum dritten Mal bei Kcho ab zu reisen und uns den weniger touristischen Süden der Insel anzusehen. Da alle Fähren zur Isla de la Juventus überfüllt waren, ging es zunächst in einem Sammeltaxi in die Revolutionsstadt Santa Clara.

Hier überfiel Che Guevara Ende 1958 einen gepanzerten Waffenzug Batistas und lies diesen entgleisen. Mit dem erbeuteten Waffenarsenal konnte Santa Clara als Batistas letzte Bastion eingenommenen werden.

Da Santa Clara abgesehen von den Denkmählern nicht besonders viel zu bieten

hatte, ging es noch am gleichen Tag weiter Richtung Santiago de Cuba.

Die geschichtsträchtige frühere Hauptstadt Cubas liegt an der Südküste der Insel.

Sie besticht nicht nur durch einige Sehenswürdigkeiten, sondern auch durch 

traumhafte, einsame Strände in der näheren Umgebung.

 

In Santiagos berauschendem Musikcocktail sind Karneval und Rumba die

exotischsten Zutaten. Hier im Süden der Insel sieht man auch öfters rot schwarze

Flaggen mit der Aufschrift M-26-7. Die Flaggen der Revolutionsbewegung des 26. Juli unter Fidel Castro die im Süden der Insel startete.

Auf einem angsteinflößenden Serpentienenkurs durch das Gebirge, den der Busfahrer auf der Optimal Linie nahm, ging es für Stephan, Jerome und mich weiter nach Baracoa im Süd-Osten.

Zu den beiden deutschen Martin und Christoph die wir bereits aus Santiago kannten,

gesellten sich hier nun auch die beiden Rentner Reinhold und Rolf dazu und machen

das Chaosteam perfekt und so wurde fröhlich bis in die Nacht geschmort.

Am darauffolgenden Tag unternahmen wir einen Ausflug nach Yumuri.

Schon auf dem Weg dorthin waren die verbliebenen Schäden des Hurrikans in Form

von zahllos entwurzelten Bäumen sowie herumliegenden Hüttenteilen sichtbar.

Kaum in Yumuri angekommen erkannten wir auch gleich die von Kchos Aufbauprojekt errichteten Hütten.

Sofort wurden wir auch stürmisch vor Freude über unseren Besuch von einigen

Sicherheitsleuten begrüßt, die wir aus Havanna kannten.

Sie führten uns im Dorf herum, und stellten uns einigen Familien unsrer Mittarbeiter

aus Havanna vor.

Nun wollten sie uns natürlich noch den Boca de Yumuri zeigen. Einen Canyon, den

der Yumuri Fluss tief in die Landschaft gefressen hat.  Nach einer Legende, sollen sich die Eingeborenen hier die Klippen herunter in den Tod gestürzt haben, um nicht versklavt zu werden.

Seit dem kreisen schwarze Geier um die schroffen Felskanten der Schlucht.

Während sich die übrigen Touristen auf den kleinen Fischerbooten zusammen

quetschen mussten, bekamen wir unser eigenes für die Tour den Canyon hinauf.

Zurück im Dorf wurden wir mit einem Festmahl empfangen und beschlossen am

Abend mit einigen Flaschen Rum im Gepäck zurück zu kehren.

 

Dieses kleine Fest sollt nun auch mehr oder weniger den Zielpunkt unserer Kubareise darstellen. Von Bracoa ging es auf dem einen oder anderen Umweg zurück nach Havanna um mit vielen neuen Eindrücken, Erfahrungen, Freundschaften und auch ein wenig Wehmut  zurück nach Deutschland zu fliegen.

 

 

FVD Nils Schaberger