GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS

Einheimische und reisende Bauhandwerker

Reiseberichte
„Grünhelme“

Vom Wohnmobil zur Zahnarztpraxis

Grünhelm-Vorstand e.FVD Martin Mikat

 

In Syrien tobt der Bürgerkrieg. Ununterbrochen und mit voller Härte. Auch in Europa sind die Auswirkungen des Krieges deutlich spürbar: Hunderttausende sind seit 2011 nach Europa geflüchtet, davon mehr als ein Drittel nach Deutschland. Doch nur die wenigsten Syrer verlassen ihr Land freiwillig. Die Wahrheit ist vielmehr, dass Ihnen schlicht keine andere Wahl bleibt, als dem kriegsgeschundenen Land den Rücken zu kehren – und den gefährlichen Weg nach Europa auf sich zu nehmen. Doch nicht alle haben die Kraft und die finanziellen Mittel, das Land zu verlassen, und harren aus. Längst ist das öffentliche Leben zusammengebrochen; auch die medizinische Versorgung ist verheerend. 

 

Durch eine großartige Spende einer Familie aus Aachen haben die Hilfsorganisation „Grünhelme“ im Herbst 2015 mit einem neuen Projekt begonnen, das vor allem auf die Verbesserung der medizinischen Versorgung abzielt. Zunächst hatte alles mit der Spende eines großen Wohnmobils „Fiat Flair“ und dem Wunsch, es irgendwo als Krankenwagen oder medizinische Station zu nutzen, angefangen.   Schnell war klar, dass wir das Wohnmobil gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Barada Syrienhilfe e.V. im kriegsgeplagten Syrien einsetzen wollen.

 

 

 

In vielen Gebieten Syriens gibt es derzeit keine Möglichkeit, sich zahnärztlich behandeln zu lassen. Mit einer mobilen Zahnarztpraxis könnte eine deutlich größere Zahl an Patientinnen und Patienten erreicht werden. Auch auf die oft täglich wechselnde Sicherheitslage könnte flexibler reagiert werden, indem der Standort der mobilen Praxis entsprechend der jeweiligen Situation verlegt werden könnte. 

Für den Umbau konnte ich unseren einheimischen Kamerad FVD Raphael Möhrle gewinnen. Raphael absolviert derzeit sein Studium im Handwerksdesign auf der Akademie für Handwerksdesign  auf Gut Rosenberg.  Er plante und baute das Wohnmobil in Zusammenarbeit mit der Akademie als Semesterprojekt aus. 

 

 

Zu Beginn musste das ganze Wohnmobil entkernt werden. Diese Arbeiten hat Raphael auf dem Hof der Akademie begonnen. Das gesamte Mobiliar wurde ausgebaut. Die alte Heizung, die Gas- und Wasserleitungen, die Pumpen mit der Gastherme und die Gasflasche sowie die gesamte Elektrik im hinteren Bereich. Diese wurde zum Teil von zwei PV-Paneelen auf dem Dach gespeist. Es wurde eine komplette Entkernung, denn auch die Wandbeschichtung musste abgeschliffen werden. Diese Arbeit war mit die schlimmste. Den ganzen Kleber von den Aluminium- Sandwitchplatten runter schleifen hat Tage gedauert und war nur mit einer Atemschutzmaske möglich.

Nun musste ein Konzept für die Praxis erstellt werden. Dazu hat sich Raphael mit seiner Zahnärztin zusammengesetzt und mit ihr besprochen, was für einen Zahnarzt wichtig ist. Aus diesen Informationen hat er das erste Konzept mittels eines Modells erarbeitet. Dabei stand der Zahnarztstuhl im Mittelpunkt. Der Stuhl musste am Kopf von beiden Seiten zugänglich sein, sodass der Zahnarzt und der Assistent arbeiten können. Für die Behandlung wird nicht so viel Licht benötigt, da der Stuhl über eine eigene Lampe für die Dentalbehandlung verfügt. Zusätzlich ist eine große Arbeitsfläche erforderlich, um die Instrumente abzulegen und ebenso ist viel Stauraum erforderlich für die einzelnen Komponenten.

Raphael entschied sich dazu, im oberen Bereich Hängeschränke anzuordnen, die gleichzeitig den durch den Ausbau sämtlicher Innenwände instabil gewordenen Aufbau zusätzlich auszusteifen. Unter den Hängeschränken wurde ein LED Band mit 1000 Lm/m angebracht, um die Arbeitsflächen zu beleuchten. Über der Garage im hinteren Bereich wurde eine erhöhte Arbeitsplatte angebracht, unter der Schubladen eingebaut wurden. Im Eingangsbereich ist ein Waschbecken mit einer weiteren kleinen Arbeitsfläche entstanden.

Materialwahl:

Um Gewicht zu sparen wurden für die Einbauten 9 mm Birkenmultiplexplatten mit einer HPL-Beschichtung gepresst. Die Beschichtung ist leicht zu reinigen und schlagfest. Die Beschläge wurden zum Teil von den alten Schränken verwendet. Damit diese bei Erschütterungen nicht aufgehen, hat Raphael einen simplen und praktischen Steckverschluss aus Edelstahl entworfen 

Für den Boden wurden PVC Matten, für eine einfache Reinigung aufgeklebt und im Fußbereich des Stuhls ein Abfluss angebracht. 

Die Wände wurden mit einer Polyurethan-Farbe gestrichen. Somit ist der gesamte Innenraum leicht und gründlich zu reinigen.

Technik:

Die Anforderungen an die Zahnarztpraxis sind hoch. Es soll im Großraum Aleppo eingesetzt werden und teilweise mehrere Tage im Einsatz sein. Einen Stromanschluss steht nicht überall zur Verfügung und das Stromnetz bricht zudem regelmäßig zusammen oder wird bewusst ausgeschaltet. Deswegen haben wir uns als Ziel gesetzt, dass Mobil auch autark betreiben zu können. Die einfachste Lösung ist ein Generator. Dieser ist aber laut und produziert Abgase. Außerdem ist Kraftstoff oft teuer und oder von schlechter Qualität. Daher haben wir uns neben einem Notstromaggregat für eine PV-Anlage auf dem Dach entschieden. Diese soll bei mittlerem Sonnenschein sämtliche im Mobil befindlichen Geräte und Lampen mit Energie versorgen. Im Umkehrschluss hieß das, dass wir so viele wie nötig und so wenige wie möglich Stromverbraucher einplanen durften. 

Warmes Wasser ist für den Betrieb nicht notwendig, denn die Desinfektion der Geräte erfolgt mittels einen Desinfektionsmittel im Einsatz oder in der Basis mittels einem Autoklaven. Somit konnten wir auf die Heizung und Warmwasseranlage verzichten. Die Klimaanlage für heiße Tage, die es in Syrien im Sommer durchaus gibt, wurde auch weggelassen. Die Gastherme wurde aus Sicherheitsgründen  nicht wieder eingebaut. 

Am Arbeitsbereich und im Eingangsbereich wurden jeweils zwei 220 V Steckdosen eingeplant. Zusätzlich gibt es am Eingang die Möglichkeit über einen USB Anschluss kleine Elektrogeräte wie Handys zu laden. Es sind vier 12 V Batterien für die 220 V Versorgung eingebaut, an denen wiederrum eine 12 V für den 12 V Kreislauf über ein Ladegerät angeschlossen ist. Die gesamte Elektrik für den Betrieb, ist von der Fahrzeugelektrik entkoppelt, sodass nicht das eine System das andere entlädt.

 

 

 

Stauraum:

Für die vielen Materialien musste besonders viel Stauraum geschaffen werden. Dazu kann zum Teil der leere Zwischenboden über Klappen, die Hängeschränke an den Seiten genutzt werden. Zusätzlich ist über der Fahrerkabine das Bett ausgebaut worden und durch Regale mit gesicherten Plastikboxen ausgestattet kann dieser Bereich ebenfalls als Lagerraum genutzt werden.

Im September 2016 ist das Zahnarztmobil dann auf den Weg nach Syrien gegangen. Über Hamburg mit der Fähre nach Mersin in der Türkei, dann über den Landweg nach Kilis und schließlich über den Grenzübergang Babel Hawer von Kilis nach Azaz in Syrien. Dort wird es rund um Aleppo und in den vielen Flüchtlingskamps an der Grenze zur Türkei von der syrischen Organisation Independent Doctors Association (IDA) eingesetzt. Die auch vor wenigen Tagen die ersten Bilder vom Einsatz geschickt hat.

Wir Grünhelme werden die Arbeit des Zahnarztmobiles weiterhin begleiten. Noch im November werde ich in die Grenzregion fliegen um mir ein Bild vor Ort zu machen. Vielleicht können wir ein Projekt mit den White Helmets starten. Dabei könnte es um den Umbau von Fahrzeugen zur Rettung von Menschen aus Trümmern gehen. 

Die Grünhelme sind nicht nur von Deutschland aus im Einsatz. Wir haben Projekte in der ganzen Welt und bauen überwiegend Schulen und Wohnhäuser wieder auf. Im Moment sind wir mit Projekten im Irak, dem Senegal und Nepal vor Ort. Im nächsten Jahr werden wir wieder ein großes Schulbauprojekt in der „Demokratischen Republik Kongo“ beginnen. Die Schule soll so der Wunsch, überwiegend aus Holz gebaut werden. Wir suchen daher immer fähige Handwerker, die bereit sind auf Luxus zu verzichten und drei Monate vor Ort an den  Aufbau-Projekten mitzuarbeiten. 

 

 

 

Bei Interesse gerne direkt an mich  oder für weitere Informationen  über die Grünhelme unter www.gruenhelme.de.

e.FVD Martin Mikat  seit 2015 im Vorstand* der Grünhelme

fvd_mikat@gmx.de

(*auf Tippelei über die Grünhelme in Pakistan 2011 ein ganzes Dorf  und  im Kongo 2013 mit FVD Moritz Passmann eine Schulanlage aufgebaut)