GESELLSCHAFT FREIE VOGTLÄNDER DEUTSCHLANDS

Einheimische und reisende Bauhandwerker

Reiseberichte
Arensnest

 

Reisebericht Emil Döscher

Fachwerkhaus im Hohen Fläming

Im Sommer 2017 haben F.V.D. Tim , F.V.D. Felix  und ich im hohen Fläming eine alte Fachwerkruine abgerissen und ein von Grund auf neues Fachwerkhaus im Stil des alten errichtet.

Das Projekt nahm seinen Anfang als Tim und Felix auf dem Weg in den bayerischen Wald abends spät im winterlichen Nürnberg festhingen. Die Stimmung der beiden war im Keller, doch wie immer in solchen Momenten hielt das Leben ein Türchen offen: Sie wurden von einem Pärchen aus Berlin angesprochen, die Arbeit für einen Zimmerer und einen Maurer suchten. Da ein schlechter Zimmerer bekanntlich immer noch einen guten Maurer abgibt, fragten die beiden reisenden Zimmerleute weiter nach und ließen sich das Projekt genauer erklären.Was Tim und Felix wenige Tage später auf der Baustelle erwartete, war eine kaputtrenovierte Fachwerkruine. Obwohl nach dieser ersten Besichtigung unklar war was mit dem Fachwerk weiter passieren sollte, beschlossen meine Reisekameraden im Sommer zuzureisen, um sich des Projekts anzunehmen, und kündigten gleich noch einen dritten Gesellen an.  Beim Reisendentreffen in Hamlar erfuhr ich dann von meinem Glück.

 

Im Juni reisten wir drei auf der Baustelle in Arensnest zu.  Arensnest ist wirklich ein Nest.  Es besteht aus fünf Häusern und man erreicht es nur über eine 4 km lange Schotterpiste mit tiefen Schlaglöchern. Wir Gesellen waren uns einig, dass am alten Fachwerk nichts mehr zu sanieren war und so rissen Tim und ich das älteste der fünf Häuser von Arensnest vollständig ab, während Felix ein neues Fachwerkhaus im Stil des alten zeichnete.Das war schnell getan, doch nun fehlten uns sowohl Werkzeug als auch Material, um das neue Haus abzubinden und aufzustellen; unsere Bauherrin hatte den Umfang des Projekts etwas unterschätzt. Da ich zuvor bei einem einheimischen Freiheitsbruder gearbeitet hatte, wusste ich von einem weiteren einheimischen Freiheitsbruders, der in der Nähe wohnte. Durch seine Hilfe bekamen wir einige Adressen von Bauunternehmern, Zimmerern und Sägewerken in der Umgebung. Wir fanden einen Öko-Sägewerker, der uns heimische Kiefern in den gewünschten Längen und Querschnitten einschneiden konnte und uns später auch seine Halle zum Abbund zur Verfügung stellte. 

 

Vorher musste das frisch eingeschnittene Holz aber noch trocknen. In dieser Zeit wollten wir das Fundament ausschachten, eine Bodenplatte gießen und einen Sockel mauern. Da ich dabei war, brauchten wir keinen Bagger und so gruben wir mithilfe der Bauherrschaft einschließlich Kinder eine Woche lang und förderten tonnenweise Findlinge zu Tage. Danach verfüllten wir das Loch wieder und ich goss mit Felix eine Bodenplatte. Premiere für uns beide, aber mit etwas unkonventionellen Mitteln und Hilfe vom Fahrer des Betonmischers gelang uns das sehr gut. Der Mauersockel stellte sich als weitaus größere Schwierigkeit heraus. Gute Zimmerleute geben scheinbar keine guten Maurer ab, denn uns ging das Mauern mit den alten Backstein-Ziegeln kaum von der Hand. Wir suchten uns Hilfe bei einem etwas erfahrenen Maurer aus der Gegend; mit seinen Tricks und Kniffen lief es dann und da wir Zimmerleute die Mauern eingemessen hatten, passte am Ende auch alles.

 

 

Der erste Bauabschnitt war geschafft. Nach einem zünftigen, blauen Montag kam unser Holz aus der Trockenkammer und wir begannen es abzurichten und zu hobeln. Einen Abend bevor der Abbund endlich starten konnte, kam unser freireisender Freund Malte zugereist. Dem drückten wir am nächsten Tag den Kettenstemmer in die Hand und er verbrachte zwei ganz Tage ausschließlich mit dem Ausstämmen der Zapfenlöcher. Felix beschäftigte sich beim Anreißen mit dem angeblichen Längenunterschied seiner Maßbänder und Meterstäbe; Tim versuchte unserem Bauhelfer Solomon, einem Geflüchteten aus Afrika, Schwäbisch beizubringen, was glücklicherweise nur mäßig gelang. Im Umgang mit Holz und Werkzeugen konnten wir ihm dagegen viele Handgriffe beibringen, das freute uns sehr. Nachdem wir noch die Holznägel gefertigt hatten, verluden wir das Holz auf den Lastwagen vom Sägewerk.

 

 

Am nächsten Tag begannen wir das Fachwerk aufzurichten. Weil das Richtfest schon für das Wochenende angesetzt war, waren wir froh, dass alle Hölzer passten und sich trotz wenig Gerüst leicht bewegen ließen. Eine besondere Herausforderung stellte noch die schwere Firstpfette dar, die wir über die Sprengwerke an den Giebeln aufkippten. Auch das gelang uns dank meiner Muskelkräfte ohne Kran.

 

 

Somit konnten wir an einem Samstagabend das große Richtfest feiern, zu dem unsere Bauherrin zahlreiche Freunde und Bekannte eingeladen hatte. Beim zünftigen Richtspruch nahmen wir einige beteiligte Gesellen und Handwerker mit kleinen Spinnereien aufs Korn, tranken dabei zünftig Korn und gaben noch einen Zimmermannsklatsch auf der Firstpfette zum Besten. Danach fingen wir an zu schmoren und genossen mit den Gästen einen schönen Abend und eine lange Nacht.

Unseren letzten Bauabschnitt stellte die Dacheindeckung dar. Malte war abgereist, dafür reiste F.V.D. Paul zu und half uns beim Verschalen der Dachflächen mit Holzweichfaserplatten, beim Einlatten und beim Löten der Dachrinnen; letzteres freute uns besonders, da wir anderen Gesellen darin nicht so erfahren waren. Während Tim sich mit mir ans Decken der Biberschwanz-Ziegel machte, baute Felix mit Paul die versetzten und verschnittenen Zwischenpodeste im Inneren des Hauses ein. Wir putzten noch unsere Unterkunft und reisten nach fast zwei Monaten Aufenthalt und einem weiteren schönen Abend in Berlin zu Brigitte nach Hamburg ab.

 

 

Rückblickend nach einem Jahr muss ich sagen, dass ich die Zeit in Arensnest sehr genossen habe. Vor allem weil Tim, Felix und ich ein sehr gutes Team waren und uns handwerklich sehr gut ergänzt haben. Keiner von uns hatte vorher ein eigenes Projekt von diesem Umfang verwirklicht. Wir haben viel gelernt, aber vor allem auch viel Spaß gehabt mit unserer Bauherrin und ihrer Familie, zu denen wir bis heute regen Kontakt pflegen; mit den lebenden Tieren auf dem Hof des einen Nachbarn (sein Eber wurde nach mir benannt und heißt jetzt Emil!) und mit den bei der Jagd erlegten Tieren des anderen Nachbarn; beim Eis essen auf der Schwenker-Bude; beim Handwerker-Stammtisch in Bad Belzig; beim Besorgen des Richtbaumes; beim größten Kaltblüter-Kutschen-Rennen der Welt, beim Aufklopfen auf unserer Bude in Berlin und den vielen durchgefeierten Nächten im Sisyphos. Irgendwie war in dieser Zeit alles dabei. Wahrscheinlich gerade durch den Kontrast zwischen dem beschaulichen Arensnest in den Kiefernwäldern des Flämings und der Party-Metropole Berlin. Und ganz sicher durch die Gastfreundschaft von Katja und den vielen Leuten, die wir dort kennengelernt haben.